Wer behauptet, das Jazzfest Gronau sei nur etwas für Puristen in Rollkragenpullovern, wurde gestern eines Besseren belehrt. Am zweiten Festivaltag trafen hanseatischer Soul-Vibe und die Giganten des Synth-Pop aufeinander. Ein Abend, der bewies, dass „Jazz“ in Gronau vor allem eines bedeutet: musikalische Offenheit auf höchstem Niveau. Gestern Abend war die Stimmung in Gronau auf Level 10, denn Alphaville und MIU waren beim 38. Jazzfest zu Gast.
MIU: Ein Hauch von Hollywood in der Provinz
Den Abend eröffnete MIU. Die Geschichte der Hamburgerin liest sich tatsächlich wie ein Drehbuch: Job in der Werbung geschmissen, nach New York geflogen, im legendären The Bitter End gespielt und später per Crowdfunding über 20.000 € für ihr Doppelalbum „Modern Retro Soul“ gesammelt. Ohne Major-Label landete sie damit auf Platz 1 der Soulcharts.

In Gronau verzichtete sie auf die große Band-Besetzung und trat „nur“ mit Keyboard und ihrem Akustikgitarristen auf. Das Ergebnis? „Sehr, sehr geil“.
Der Sound: Ein Mix aus 70er-Jahre-Gitarren, modernen Beats und einer Stimme, die irgendwo zwischen dem Charme einer Audrey Hepburn und der Abgründigkeit einer Amy Winehouse schwebt.
Die Highlights: Während Songs wie „Easy“ eine Leichtigkeit versprühten, die jeden Arbeitstag vergessen lässt, sorgte das reduzierte Klavierstück „Be the bigger person“ für feuchte Augen im Publikum.

Wermutstropfen: Nach knapp 30 Minuten war der Zauber leider schon wieder vorbei.
Trostpflaster für alle Fans: MIU kehrt am 17. Oktober zurück nach Gronau in den Musikclub Turbine. Wer sie gestern verpasst hat (oder einfach mehr will), sollte sich diesen Termin direkt dick im Kalender markieren.
Alphaville: Synth-Pop trifft Jazz-Spirit
Nach einer erfreulich kurzen Umbaupause übernahmen Alphaville das Ruder. Und ja, die Frage hing kurz in der Luft: Was macht die Synth-Pop-Ikone der 80er auf einem Jazzfest?
Die Antwort liegt in der DNA der Band. Alphaville hat schon immer mit Jazz-Elementen experimentiert:
- Stilistische Öffnung: Bereits 1989 integrierte das Album The Breathtaking Blue Elemente aus Klassik und Jazz.
- Experimentelle Phasen: Das Album Prostitute (1994) gilt als komplexes Amalgam aus elektronischem Jazz, Swing und Hip-Hop.
- Fun Fact: Die aktuelle Background-Sängerin Elisabeth Markstein ist eine ausgebildete Jazz-Sängerin.
Die Setlist: Ein absoluter Flex durch vier Jahrzehnte
Wer dachte, Alphaville würden nur ihre zwei großen, auch auf TikTok omnipräsenten Hits abspulen und sonst auf Autopilot schalten, war komplett schief gewickelt. Die 20 Songs umfassende Setliste glich eher einem gigantischen Showcase all ihrer „Eras“.

Schon zu Beginn servierten sie mit Dance With Me ordentlich Main Character Energy, ein Vorbote ihres Konzeptalbums Afternoons in Utopia, der beweist, wie krass und cineastisch die Band schon immer dachte. Und statt ihre größten Banger künstlich bis zum Schluss zurückzuhalten, droppten sie Big in Japan einfach direkt an Position zwei. Real Talk: Der Track ist ein treibender Vibe, aber die Story dahinter ist komplett dark. Der Song handelt nämlich von der düsteren Berliner Heroinszene der 70er Jahre, und den Titel bezeichnete Sänger Marian Gold mal als die „Lüge des Verlierers“. Mind blown.
Im Mittelteil der Show bewiesen Tracks wie Romeos, Wishful Thinking und Flame, dass Alphaville nie auf irgendwelchen Pop-Schablonen hängengeblieben sind. Diese vielschichtigen Soundlandschaften haben schlichtweg auf ganzer Linie überzeugt. Und Marian Golds Stimme? Lebt ab sofort mietfrei in meinem Kopf. Der Typ hat einen unfassbaren Tonumfang und ballert auch nach vier Jahrzehnten Karriere noch mühelos krasse Oktavsprünge ins Mikro.

Gegen Ende wurde es dann nochmal richtig wild. Nach dem epischen A Victory of Love und Sounds Like a Melody (ein Track, der damals produktionstechnisch so komplex war, dass er die analogen Musiker an ihre Grenzen brachte), kam der Moment, auf den alle gewartet haben: Forever Young. Ein Song, den Gold während des Kalten Krieges in nur 45 Minuten aus purer Existenzangst vor einer Atombombe geschrieben hat. Dass der Track auch heute noch krasse politische Relevanz hat und die Band null Bock auf politische Vereinnahmung hat, ist bekannt: Sie beziehen nicht nur klar Stellung gegen Rechtspopulismus in Deutschland und Österreich, sondern Marian hat auch mit einem starken Statement der Trump-Administration verboten, den Song für ihre Zwecke zu missbrauchen. Was für ein absoluter Boss Move!
Und gestern Abend? Purer Gänsehaut-Moment. Die melancholische Schwere des Textes traf auf die schwerelose Melodie und Gronau sang kollektiv mit. Mega!
Mit State of Dreams und dem sphärischen Elevator als Zugabe verabschiedeten sich Alphaville schließlich in die Nacht.

Wer nach diesem Abend noch nicht genug bekommen hat, Alphaville tourt 2026 durch Deutschland und Europa, mit bestätigten Shows u.a. in Königsbrunn (3.5.), Darmstadt (21.5.), Bad Nenndorf (5.6.), Warthausen (5.7.), Berlin (14.7.) und Bremen (31.7.)
Ein paar Impressionen vom Abend























Wer nach dem gestrigen Abend noch Akku hat, sollte heute direkt wieder am Start sein: Jazz-Legende Billy Cobham trifft auf das JugendJazzOrchester NRW. Das verspricht ein absolutes Brett zwischen technischer Meisterschaft und junger Energie zu werden. Wer spontan vorbeikommen will, kein Stress: Tickets gibt’s noch an der Abendkasse. Gönnt euch diesen Vibe!


