Es gibt diese Abende, die sich schon beim Betreten des Raumes anders anfühlen. Das Licht ist ein bisschen wärmer, die Luft knistert vor Erwartung und dann: Stuhlreihen. Die ganze Bürgerhalle war bestuhlt, eine kathedralenartige Andacht aus Holz und Samtbezügen, die den Raum in eine völlig andere Frequenz versetzte. Nur 24 Stunden vorher hatte Alphaville hier denselben Boden zum Beben gebracht, Synthie-Hymnen und „Forever Young“-Chöre, die gegen die Decke prallten. Jetzt, am Internationalen Tag des Jazz, sitzen wir. Wir lauschen. Wir atmen anders.
20:00 Uhr: Der Maestro macht den Anfang
Pünktlich um 20 Uhr betrat eine Legende die Bühne, die das Wort „Alter“ gnadenlos dekonstruiert: Billy Cobham.

Mit 81 Jahren zeigt er eine Energie, die man nicht hört, sondern als komprimierte Magie spürt. Mit seinem Quintett – darunter Tastenzauberer Gary Husband und Gitarrist Rocco Zifarelli, startete er den Abend und bewies sofort, warum er als Architekt des polyrhythmischen Modernismus gilt.
Spielfreude pur: Das JJO NRW übernimmt die Bühne
Dann kam der Wechsel zum JugendJazzOrchester NRW, der ersten Landesjugendjazzorchesterschmiede Deutschlands, die jede Generations-Lücke mit schierer Spielfreude einfach weggeblasen hat. Was die Truppe an Stücken auspackte, schmeckte nach Aufbruch und einer absoluten Beherrschung ihres Handwerks. Bei Titeln wie „If you could see me now“, „The Good Life“ oder dem fragilen „It’s Only a Paper Moon“ verlor jeder Standard schlagartig seinen Staub und wurde stattdessen zu einem zarten, modernen Versprechen. Es floss förmlich sommerliche Schönheit durch die Sitzreihen, als „Bananeira“ und „Águas de Março“ wie ein warmer brasilianischer Regen den Raum füllten.

Doch es gab auch echte Überraschungen: Das muskulöse „Carmelos by the freeway“ und die alte Weise „Die Gedanken sind frei“ entwickelten sich zu heimlichen Hymnen des Abends. Besonders das deutsche Volkslied, interpretiert von diesem multikulturellen Kollektiv, wirkte wie ein kraftvolles Statement gegen jeden „Vorschrifts-Jazz“ und ließ die bestuhlte Bürgerhalle zu einer Gemeinschaft verschmelzen, die im Geiste mitsummte.
Backstage-Magie durch Technik-Fail
Kurz vor dem großen, gemeinsamen Finale passiert das Ungeplante: Ein Bassverstärker kapituliert. Technik streikt, eine unangenehme Verzögerung droht. Aber was folgt, ist ein Moment purer Backstage-Magie mitten auf offener Bühne. Das JJO nutzt die Zwangspause, um jedes einzelne Mitglied ausführlich vorzustellen. Plötzlich haben diese brillanten Musiker:innen Gesichter, Geschichten und Herzschläge. Familien im Publikum strahlen, ein ehrlicher Gänsehaut-Moment, den kein glattgebügelter Stream der Welt so einfangen könnte.
Das Finale: Fusion-Gewitter in Perfektion
Als die Technik schließlich mitspielt, vereinen sich Cobhams Quintett und das Orchester zum finalen Schlag. „Stratus“ baut sich auf wie ein Gewitter über dem Ozean. Gary Husbands Keyboards flirren, Rocco Zifarelli lässt die Gitarre singen und Cobham hämmert jene Polyrhythmen, die seit Fat Albert Rotunda Musikgeschichte schreiben. Die jungen Bläser fetten den Sound, reißen die Fenster auf und katapultieren den Saal in ein kollektives Kopfkino.
Fazit: Was bleibt nach diesem Abend in Gronau?
Jazz ist kein verstaubtes Museumsstück, sondern hat gestern den ultimativen Glow-up hingelegt. Billy Cobham und das JJO NRW haben bewiesen, dass Skill kein Alter kennt und die Chemie zwischen 81 Jahren Legenden-Status und den Newcomern einfach anders ballert. Wer dachte, man kann im Sitzen nicht komplett eskalieren, hat den Vibe-Check gestern offiziell nicht bestanden. Gronau, danke für diesen Trip!
Bilder vom Abend





































